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Flächenverbrauch - Trends und Entwicklungen

Hier erfahren Sie mehr zum aktuellen Stand der Flächen- und Siedlungsentwicklung.

© S. Lazar

Fläche wird „verbraucht“ – was heißt das?

Spontan denkt man: Fläche kann man doch gar nicht verbrauchen! Oder vielleicht doch?

Natürlich kann man Fläche nicht verbrauchen, wohl aber natürliche Bodenfunktionen.

Im Gegensatz etwa zum Wasserverbrauch aber ist Flächenverbrauch ein umgangssprachlicher Terminus für die irreversible Umgestaltung der nicht erneuerbaren Ressource Boden. Natürliche Bodenfunktionen (wie Lebens- und Produktionsfunktionen, Archiv der Natur- und Kulturgeschichte, Nutzungsfunktionen) werden nahezu irreversibel gestört. Ein weggebaggerter oder versiegelter Boden kann seine Funktionen nicht erfüllen. Das Entsiegeln versiegelter Böden ist eine durchaus wichtige Maßnahme, allerdings stellt dies den ursprünglichen Zustand des Bodens nicht wieder her.

Veränderung der Siedlungs- und Verkehrsfläche in ha und Tag © BBSR

Entwicklung des Flächenverbrauchs

Jede Sekunde werden irgendwo im Bundesgebiet weitere 8 m² für neue Siedlungs- und Verkehrsflächen beansprucht. Etwa die Hälfte davon wird überbaut und versiegelt. Meist geschieht das auf zuvor landwirtschaftlich genutzter Fläche.

Das Wachstum konzentriert sich nach wie vor auf die dezentralen Standorte rund um die Verdichtungsräume, also den so genannten "Speckgürtel".
Bundesweit waren dies 129 Hektar am Tag im Jahr 2000 und 63 Hektar pro Tag im Jahr 2014. Das Ziel für das Jahr 2020 sind 30 Hektar pro Tag.
Die Folge: Stadt-Landschaften dominieren die Siedlungsstruktur.

Flächeninanspruchnahme je Einwohner © BBSR

Trend: Siedlungsfläche nimmt zu

In den alten Bundesländern hält diese Entwicklung seit den 60er Jahren an und erreichte um 1980 einen Höhepunkt. Mit der Wiedervereinigung und dem damit einhergegangenen Bau- und Wirtschaftsboom erreichte der Flächenverbrauch auch bundesweit Spitzenwerte und war auch im Jahr 2014 mit 63 Hektar pro Tag bundesweit noch immer hoch. In den neuen Bundesländern ist der Flächenverbrauch trotz eines massiven Bevölkerungsrückgangs weiterhin auf hohem Niveau. So ist hier der Flächenverbrauch pro Kopf besonders hoch (in der Grafik jeweils dunkelrot gekennzeichnet).

Flächenverbrauch und Bevölkerungsentwicklung nach Entwicklungskriterien © BBSR

Die Bevölkerung nimmt ab - die Siedlungsfläche zu

Eigentlich sollte man annehmen, dass bei weniger Menschen die Siedlungsfläche abnimmt. Dies ist jedoch nicht der Fall. Gründe liegen oft darin, dass der einzelne Bürger mehr Wohnraum, mehr Komfort und individuelle Bewegungsfreiheit möchte - und dies am liebsten am Stadtrand. Als Massenerscheinung aber erzeugt der Wunsch nach der "Residenz im Grünen" im Allgemeinen eher dichtgedrängte Reihenhausgebiete, Schlafstätten fernab der nur im morgendlichen Dauerstau erreichbaren Arbeitsplätze, umgeben von den architektonischen Wüsten großflächiger Einkaufszentren und Lagerstätten.

Ohne Gegensteuern wird der Flächenverbrauch auch künftig auf hohem Niveau anhalten.

© S. Lazar

Gründe für den Flächenverbrauch

Wie kann man sich den zunehmenden Flächenverbrauch erklären. Warum nimmt der Bedarf an Siedlungsfläche trotz stagnierender Bevölkerungszahlen weiter zu?

Auf den ersten Blick ist dies merkwürdig, nicht wahr? Wir hätten diesen Flächenverbrauch nicht, wäre er nicht individuell gewollt und gesellschaftspolitisch gefördert. Das Siedlungsflächenwachstum in Deutschland ist auch auf Wohlstandswachstum durch die technisch-ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen 50 Jahre zurückzuführen. Es hat sich quasi entkoppelt von der Bevölkerungsentwicklung. Viele können diese Flächenzunahme im eigenen Lebensumfeld beobachten: trotz kleinerer Haushalte gibt es nun erheblich mehr Wohnfläche pro Person, größere Büros, und ein flächenintensives Mobilitäts- und Freizeitverhalten. Der Effekt lässt sich in der Zunahme der spezifischen Flächenansprüche (m² pro Person) bei den einzelnen Nutzungsarten (Wohnen, Produktion, Handel, Bildung, Versorgung, Freizeit etc.) ausdrücken. So stieg beispielsweise von 1960 bis 2011der individuelle Wohnflächenanspruch von weniger als 15 m² pro Einwohner auf 43 m² pro Einwohner.

Abnahme der Siedlungsdichte © BBSR

Nachholeffekte

Besonders dramatisch war die Suburbanisierung in den neuen Bundesländern. Das zeigt sich auch daran, dass die Siedlungsdichte abnimmt. Nach der Wende kam es dort zu Nachholeffekten bei der Siedlungs- und Verkehrsflächenentwicklung insbesondere im suburbanen Raum. Doch inzwischen wird die Auslastung der neugeschaffenen Kapazitäten angesichts rückläufiger oder zumindest stagnierender Bevölkerungszahlen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Zentren immer schwieriger.

Bodenpreise © BBSR

Bodenpreisgefälle

Der Flächenverbrauch resultiert auch aus dem Bodenpreisgefälle von Innenstadt zur Peripherie. Wenn die Bodenpreise in den Städten hoch sind, ist es kein Wunder, dass sich der Flächenverbrauch suburbanen Raum konzentriert. Speckgürtel entstehen.

Zudem trägt die kommunale Kirchturmpolitik zum Flächenverbrauch bei. Funktionsentmischung und zunehmende Distanzen zur Erfüllung von Daseinsgrundfunktionen sind die Folge der Umsetzung des Leitbilds der "gegliederten und aufgelockerten Stadt". Machtvolle regionale Steuerungsinstanzen fehlen. Vorangetrieben wurde diese Entwicklung durch staatliche Förderprogramme, insbesondere die Eigenheimzulage, Entfernungspauschale und Straßenbauprogramme.

Wegen des anhaltenden Flächenverbrauchs werden schon lange wirksame marktwirtschaftliche Instrumente zum Bodenschutz und zur bestandsorientierten Steuerung der Siedlungsflächenentwicklung eingefordert. Aber zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Boden ist interessenbesetzt: in sozialer, vermögenspolitischer und ideologischer Art.

Veränderung der Bodennutzung © BBSR

Vor allem landwirtschaftliche Flächen

Betrachtet man die Bodennutzung insgesamt, so zeigt sich, dass vor allem die landwirtschaftliche Fläche abnimmt. Der Verlust war mit 47 Hektar pro Tag auch im Jahr 2014 noch sehr hoch. Hier kommt verschärfend hinzu, dass mit zunehmendem Bedarf an erneuerbaren Energien, der Bewirtschaftungsdruck auf die verbleibenden Flächen immer mehr zunimmt.

© S. Lazar

Folgen des Flächenverbrauchs

Die Folgen des Flächenverbrauchs einschließlich der ökonomischen Folgekosten sind eingehend bekannt und dokumentiert. Mit dem Flächenverbrauch wird Boden verdichtet, versiegelt und umgelagert.
Neben dem unmittelbaren Verlust an fruchtbarem Boden zieht der Flächenverbrauch eine Reihe von Folgewirkungen nach sich, darunter Zersiedelung, Verlust von Lebensräumen für Flora, Fauna und Erholung, Zerschneidung und Barrieren in der Landschaft, Beeinträchtigung des Landschaftsbildes, Reduktion der Wasserversickerung, Verschärfung von Hochwasser, verändertes Kleinklima, abnehmende Flächenauslastung mit kostspieliger Infrastrukturbereitstellung. Mit der Flächeninanspruchnahme wird nicht nur Freiraum umgewidmet, sondern oft auch Landschaft durch Beeinträchtigung und Entwertung "verbraucht".

© S. Lazar

Das WO ist entscheidend

Es ist nicht allein die Versiegelung so kritisch zu bewerten, sondern auch wo sie stattfindet: auf den letzten stadtnahen hochwertigen Böden, auf leistungsfähigen landwirtschaftlich genutzen Böden oder in Auenbereichen.